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Generation-Centered Design

Faire Zukunftsgestaltung für künftige Generationen

Jessica Zürn

Anna Graf

‚Generation-Centered Design‘ (GCD) ist ein neuer Designprozess, der seinen Betrachtungsradius auf die zukünftigen Generationen erweitert, um eine bessere Balance zwischen den Interessen der Gegenwart und der Zukunft zu erreichen.

Seit Längerem ist in unserer Gesellschaft und Politik eine Tendenz zu erkennen, bei welcher der Fokus zu sehr auf die Gegenwart gerichtet ist. Dabei wird der aktuelle Nutzen auf Kosten zukünftiger Generationen bevorzugt, auch bezeichnet als Gegenwartspräferenz.

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Wissenschaftler:innen gehen davon aus, dass wir in ein neues Zeitalter, das ‚Anthropozän‘ eintreten werden, in dem der Mensch verschiedene Erdsysteme beeinflussen und dauerhaft verändern wird. Zugleich ist eine starke Tendenz zum kurzfristigen Denken und Handeln in unserer Gesellschaft erkennbar. Grundsätzlich ist Kurzfristigkeit nicht immer schlecht, jedoch ist ein übermäßiger Fokus auf Kurzfristigkeit in Politikbereichen mit einem langen Zeithorizont besonders problematisch, beispielsweise in der ökologischen Nachhaltigkeit, bei Investitionen in zukunftsweisende Forschung, bei der Reform des Rentensystems, sowie der Atommüllentsorgung. Diese Bereiche erfordern in der Regel kurzfristig kostspielige Maßnahmen, wie Steuererhöhungen, Leistungskürzungen oder Regulierungsauflagen, welche sich erst langfristig auszahlen. Aus diesem Grund sind demokratische Institutionen allzu oft versucht, diese Kosten auf die nächste Generation abzuwälzen und versäumen es somit, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen.

Als Reaktion auf diese übermäßige Kurzfristigkeit entstanden in den letzten Jahrzehnten weltweit neue Institutionen und Reformideen, die versuchen, zukünftigen Generationen eine Stimme in unserer Zeit zu geben. Aus diesem Grund stellen wir im Rahmen unserer Arbeit folgende Forschungsfrage auf:

Wie können wir als strategische Gestalter:innen, zukunftsorientierte Institutionen bei ihrer Arbeit mit den ‚unborn Stakeholder’ unterstützen, um eine besser Balance zwischen den legitimen Anliegen der Gegenwart und den potenziellen Interessen zukünftiger Generationen zu erreichen?

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Mit der Idee des ‚Generation-Centered Design‘ haben wir einen neuen Ansatz für einen Gestaltungsprozess entwickelt, welcher Arbeitsstrukturen und Methoden für die einzelnen Phasen aufzeigt, um der übermäßigen Kurzfristigkeit entgegenzuwirken. Hierbei haben wir uns in unserer Masterarbeit auf den ersten Teil des Prozesses fokussiert, welcher sich mit dem Umgang der ‚unborn Stakeholder‘ auseinandersetzt. Die Aufgabe des Prozesses besteht darin, zukünftige Stakeholder greifbarer zu machen und Empathie zu ihnen aufzubauen, indem wir Zukunftsszenarien erlebbar gestalten. Ziel ist es, einen Diskurs über verschiedene Zukunftsszenarien anzuregen, um die daraus gewonnen Erkenntnisse und Überlegungen für die Handlungen in der Gegenwart zu nutzen.

Unsere Vision ist eine nachhaltige, zukunftsfähige Gesellschaft, in der die Bedürfnisse und Interessen künftiger Generationen mehr in die Entscheidungsprozesse der Gegenwart miteinbezogen werden.

Zu dem theoretischen Teil der Arbeit wurden Ansätze für die praktische Umsetzung in Form eines Toolkits gestaltet. Unser GCD Toolkit besteht aus einem Booklet, Methoden-Sheets und Kartensets, welche zukunftsorientierte Institutionen dabei unterstützen soll, eine faire Zukunftsgestaltung zu ermöglichen.

Auditive imaginäre Zeitreise

In der oben abgebildeten Hörprobe wird ein Ausschnitt aus einer ‚auditiven imaginären Zeitreise‘ präsentiert. Diese wurde auf Grundlage eines Szenarios vom Zukunftsinstitut entwickelt.

Auditive imaginäre Zeitreise PDF

Die ‚auditive imaginäre Zeitreise‘ ist eine von uns entwickelte Methode, um Zukunftsszenarien erlebbar zu gestalten. Es ist eine Art Hörbuch in Form eines Gedankenspiels, das den Zuhörer in die Situation einer zukünftigen Person hineinversetzt, sodass er die Welt aus einer anderen Perspektive erlebt. Hierbei durchläuft der Zuhörer einen Tagesablauf, welcher mit Beobachtungen, Eindrücken, Gedanken und Interaktionen mit Menschen und Geräten gefüllt ist. Jedes Zukunftsszenario ist aus drei verschiedenen Perspektiven erlebbar (jüngere, mittlere und ältere Generation). Die ‚auditive imaginäre Zeitreise‘ ist eine Einladung, sich in zukünftige Situationen hineinzuversetzen und verschiedene mögliche Zukünfte zu entdecken. Ziel dieser Methode ist es, durch einen Perspektivwechsel mehr Empathie für künftige Generationen zu schaffen. Sie bietet eine Grundlage für das Arbeiten mit den ungeborenen Menschen und verschiedenen Zukunftsszenarien.

„Das tolle am Audio ist, dass es viel Raum für Vorstellungen lässt im Vergleich zum Film. Ich konnte mir schön meine eigenen Bilder ausmalen. Das fand ich eigentlich sehr gut, gerade weil die Zukunft ja nicht fassbar ist.“ (User-Testing)

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Methoden-Sheets

Zur Unterstützung unseres Ansatzes haben wir Methoden-Sheets entwickelt, welche als Hilfestellung zur Erstellung von erlebbaren Zukunftszenarien dienen und zusätzlich die Probanden bei deren Auswertung unterstützen, um das Erlebte zu reflektieren.

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Umgang mit der Unsicherheit der Zukunft

Ein zentrales Problem für die theoretische Rechtfertigung von Institutionen für zukünftige Generationen besteht in der Unsicherheit der Zukunft sowie die Ungewissheit bezüglich der Interessen und Bedürfnisse zukünftiger Generationen.

„Sofern nicht Nutzen, Präferenzen, Interessen oder Wünsche die herangezogenen Wertmaßstäbe sind, sondern schlicht die Grundbedürfnisse aller Menschen (früherer, heutiger und künftiger), verliert das Unsicherheitsproblem erheblich an Bedeutung.“ (Apl. Prof. Dr. Dr. Jörg Tremmel in ‚Die Demokratie und ihre Defekte‘ 2018: 121).

Zu den Grundbedürfnissen bieten auch die Menschenrechte ein großes Potenzial im Umgang mit künftigen Generationen. Aktuell gelten sie zwar nur für die existierenden Menschen, jedoch können sie genutzt werden, um beispielsweise die Interessen künftiger Generationen im Sinne der Menschenrechte zu formulieren. Das bietet die Möglichkeit, der Kurzsichtigkeit und Tendenz, die Interessen zukünftiger Generationen zu vernachlässigen, entgegenzuwirken.

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Karten-Sets

Neben den Methoden-Sheets enthält unser Toolkit unter anderem zwei Kartensets: die Menschenrechts-Karten und die Grundbedürfnis-Karten. Diese dienen den Probanden als Hilfestellung beim Bearbeiten der Work-Sheets, um genauere Informationen zu den einzelnen Menschenrechten und Grundbedürfnissen zu erhalten. Weiterhin können die Karten in einer späteren Diskussionsrunde verwendet werden.

GCD Landingpage
GCD Booklet: Informationen zur Thematik Generationengerechtigkeit und den Methoden-Sheets
GCD Methoden-Sheet: Szenario Steckbrief
GCD Kartenset: Menschenrechte & Grundbedürfnisse